{"id":1233,"date":"2020-06-22T19:49:26","date_gmt":"2020-06-22T17:49:26","guid":{"rendered":"https:\/\/schuelerzeitung.wilhelm-ostwald-schule.de\/?p=1233"},"modified":"2020-06-22T22:38:56","modified_gmt":"2020-06-22T20:38:56","slug":"der-verschwundene-jahrgang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schuelerzeitung.wilhelm-ostwald-schule.de\/?p=1233","title":{"rendered":"Der verschwundene Jahrgang"},"content":{"rendered":"\n<p>Es fing alles im Jahr 2017 an.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht mehr ganz so unschuldige Sch\u00fcler ohne Zukunftsperspektive, hatten sich zuf\u00e4llig alle an der gleichen Schule angemeldet. F\u00fcr das Abitur, die schulische Ausbildung, sowie das Fachabitur. Manche waren sogar schon einen Jahr l\u00e4nger an der Schule als die anderen; Ehrenrunden dreht doch bekanntlich jeder gerne.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es kam sogar vor, dass einige Sch\u00fcler schon mittendrin verschwanden und nie wieder auftauchten, was f\u00fcr ein Pech aber auch. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Klassengemeinschaften hatten sich fest etabliert, es wurde f\u00fcr Mitsch\u00fcler eingestanden, gelogen und weiter dem Abschluss entgegen gezogen. Wie es sich f\u00fcr uns nun mal geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wie kam es, dass ein ganzer Jahrgang so unbemerkt verschwinden konnte?<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann so weit zur\u00fcck gehen, wie man mag; die Antwort l\u00e4sst sich nicht finden, da k\u00f6nnte man auch Sherlock Holmes und Dr. Watson pers\u00f6nlich herbeordern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pandemie betraf jeden, ob man wollte oder nicht. Es fragt auch keiner danach ob man einverstanden ist. Es passiert alles Schlag auf Schlag und man muss daf\u00fcr bereit sein, da spielt es keine Rolle, was man selbst davon h\u00e4lt. <br><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann selbst sich nur nach den t\u00e4glich neu gegebenen Regeln richten und akzeptiert sie ohne wenn und aber. \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wir Sch\u00fcler mussten das tun.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Sch\u00fcler der 11. Klassen war alles neu, <em>aufregend<\/em> und unwirklich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht mal das erste Jahr fertig, schon scheint es gestrichen und nicht wirklich vollendet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Home Schooling<\/em> stand an, Hausaufgaben per Mail oder mit vergleichbaren Online M\u00f6glichkeiten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die 12. Klasse traf es noch etwas schlechter. Kaum aus dem Praktikum zur\u00fcck, keine richtige Woche Unterricht gehabt, schon schlie\u00dft die Schule.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was jetzt?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Tausende Gedanken um das n\u00e4chste Jahr, den ganzen Stoff, der sie auf die Pr\u00fcfungen im letzten Jahr vorbereiten sollte, wartet nun blinkend im E-Mail Postfach. <br><\/p>\n\n\n\n<p>Als die Lage sich \u201ebesserte\u201c, wurden die fest etablierten Klassen aufgeteilt in jeweils zwei Gruppen und der Unterricht fand so gut es ging statt. Aber nicht an allen Tagen. Da kommt man mal nur f\u00fcr drei Bl\u00f6cke mit zu viel Freibl\u00f6cken dazwischen in die Schule, so ein Mist!<\/p>\n\n\n\n<p>Und die 13. Klassen? Fragt gar nicht erst.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde uns schon seit Klasse 11 immer wieder gesagt, wie kurz das letzte Jahr sei, dass es ja nur aus Pr\u00fcfungen bestehen w\u00fcrde. Man soll schon fr\u00fch genug anfangen zu lernen, blo\u00df nicht fehlen, um ja nichts zu verpassen, die letzte Zeit genie\u00dfen, sich um die Abschlussfeier k\u00fcmmern, das Geld daf\u00fcr zusammenbekommen, den ganzen Lernstoff der gesamten drei Jahre zusammentrage-<\/p>\n\n\n\n<p>Moment. Pandemie. Ach ja, da war ja was.<\/p>\n\n\n\n<p>Schule zu.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzte Probeklausur hat sich in Luft aufgel\u00f6st, man hat nicht gewusst, dass der letzte Unterricht, <em>der letzte gemeinsame Unterricht <\/em>war. Letzte Aufgaben kamen ins E-Mail Postfach hereinspaziert, manchmal mit Lernstoff f\u00fcr die Pr\u00fcfungen im Schlepptau.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Pr\u00fcfungen? Ohne Unterricht?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Manche, wie ich, haben das Schulleben an sich vorbeiziehen sehen, schon sich dazu bereit erkl\u00e4rt, der Mathelehrerin in einer E-Mail verzweifelt um Hilfe zu bitten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach endlosen Pressekonferenzen seitens der Bundeskanzlerin, was denn nun mit der Schule, dem Unterricht und den Pr\u00fcfungen sei, kam es zu dem Entschluss, dass f\u00fcr die 13. Klassen kein Unterricht mehr stattfinden sollte. Die betroffenen Sch\u00fcler sollten nur noch zu den Pr\u00fcfungen kommen, ansonsten gar nicht mehr.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Also hie\u00df es: Zur Schule hin &#8211; Mit Abstand &#8211; Pr\u00fcfung schreiben &#8211; Abliefern &#8211; wieder gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Unterricht, keine letzte gemeinsame Zeit, keine Abschlussfeier, keine Mottowoche, das gesammelte Geld geschenkt, ein ganzer Jahrgang, der sich langsam, aber sicher, aufl\u00f6ste.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Klassengemeinschaften gab es nicht mehr, jeder Sch\u00fcler arbeitete nur noch f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr seinen eigenen Abschluss. Eine Abschlussfeier fand ja nicht mehr statt und auch eine Zeugnisvergabe erschien fragw\u00fcrdig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lehrer, die die Sch\u00fcler drei Jahre (oder l\u00e4nger\u2026;) unterrichtet haben, durften nicht anwesend sein, auch keine Begleitungen seitens der Sch\u00fcler. Die St\u00fchle standen alle mit Abstand zueinander. Die Zeugnisse wurden vom Klassenlehrer ausgeteilt, die Rede des Abteilungsleiters im Mittelpunkt.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer halben Stunde war es schon vorbei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Corona Jahrgang war durch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der ganze Jahrgang verschwand.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Einfach so.<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es fing alles im Jahr 2017 an.&nbsp; Nicht mehr ganz so unschuldige Sch\u00fcler ohne Zukunftsperspektive, hatten sich zuf\u00e4llig alle an der gleichen Schule angemeldet. F\u00fcr das Abitur, die schulische Ausbildung, sowie das Fachabitur. Manche waren sogar schon einen Jahr l\u00e4nger an der Schule als die anderen; Ehrenrunden dreht doch bekanntlich jeder gerne.&nbsp; Es kam sogar vor, dass einige Sch\u00fcler schon mittendrin verschwanden und nie wieder auftauchten, was f\u00fcr ein Pech aber auch. Die Klassengemeinschaften hatten sich fest etabliert, es wurde f\u00fcr Mitsch\u00fcler eingestanden, gelogen und weiter dem Abschluss entgegen gezogen. Wie es sich f\u00fcr uns nun mal geh\u00f6rt. Doch wie kam es, dass ein ganzer Jahrgang so unbemerkt verschwinden konnte? Man kann so weit zur\u00fcck gehen, wie man mag; die Antwort l\u00e4sst sich nicht finden, da k\u00f6nnte man auch Sherlock Holmes und Dr. Watson pers\u00f6nlich herbeordern.&nbsp; Die Pandemie betraf jeden, ob man wollte oder nicht. Es fragt auch keiner danach ob man einverstanden ist. Es passiert alles Schlag auf Schlag und man muss daf\u00fcr bereit sein, da spielt es keine Rolle, was man selbst davon h\u00e4lt. Man kann selbst sich nur nach den t\u00e4glich neu gegebenen Regeln richten und akzeptiert sie ohne wenn und aber. \u00a0 Auch wir Sch\u00fcler mussten das tun.&nbsp; F\u00fcr die Sch\u00fcler der 11. Klassen war alles neu, aufregend und unwirklich.&nbsp; Nicht mal das erste Jahr fertig, schon scheint es gestrichen und nicht wirklich vollendet.&nbsp; Home Schooling stand an, Hausaufgaben per Mail oder mit vergleichbaren Online M\u00f6glichkeiten.&nbsp; Die 12. Klasse traf es noch etwas schlechter. Kaum aus dem Praktikum zur\u00fcck, keine richtige Woche Unterricht gehabt, schon schlie\u00dft die Schule.&nbsp; Was jetzt?&nbsp; Tausende Gedanken um das n\u00e4chste Jahr, den ganzen Stoff, der sie auf die Pr\u00fcfungen im letzten Jahr vorbereiten sollte, wartet nun blinkend im E-Mail Postfach. Als die Lage sich \u201ebesserte\u201c, wurden die fest etablierten Klassen aufgeteilt in jeweils zwei Gruppen und der Unterricht fand so gut es ging statt. Aber nicht an allen Tagen. Da kommt man mal nur f\u00fcr drei Bl\u00f6cke mit zu viel Freibl\u00f6cken dazwischen in die Schule, so ein Mist! Und die 13. Klassen? Fragt gar nicht erst.&nbsp; Es wurde uns schon seit Klasse 11 immer wieder gesagt, wie kurz das letzte Jahr sei, dass es ja nur aus Pr\u00fcfungen bestehen w\u00fcrde. Man soll schon fr\u00fch genug anfangen zu lernen, blo\u00df nicht fehlen, um ja nichts zu verpassen, die letzte Zeit genie\u00dfen, sich um die Abschlussfeier k\u00fcmmern, das Geld daf\u00fcr zusammenbekommen, den ganzen Lernstoff der gesamten drei Jahre zusammentrage- Moment. Pandemie. Ach ja, da war ja was. Schule zu.&nbsp; Die letzte Probeklausur hat sich in Luft aufgel\u00f6st, man hat nicht gewusst, dass der letzte Unterricht, der letzte gemeinsame Unterricht war. Letzte Aufgaben kamen ins E-Mail Postfach hereinspaziert, manchmal mit Lernstoff f\u00fcr die Pr\u00fcfungen im Schlepptau.&nbsp; Pr\u00fcfungen? Ohne Unterricht?&nbsp; Manche, wie ich, haben das Schulleben an sich vorbeiziehen sehen, schon sich dazu bereit erkl\u00e4rt, der Mathelehrerin in einer E-Mail verzweifelt um Hilfe zu bitten.&nbsp; Nach endlosen Pressekonferenzen seitens der Bundeskanzlerin, was denn nun mit der Schule, dem Unterricht und den Pr\u00fcfungen sei, kam es zu dem Entschluss, dass f\u00fcr die 13. Klassen kein Unterricht mehr stattfinden sollte. Die betroffenen Sch\u00fcler sollten nur noch zu den Pr\u00fcfungen kommen, ansonsten gar nicht mehr.\u00a0 Also hie\u00df es: Zur Schule hin &#8211; Mit Abstand &#8211; Pr\u00fcfung schreiben &#8211; Abliefern &#8211; wieder gehen. Kein Unterricht, keine letzte gemeinsame Zeit, keine Abschlussfeier, keine Mottowoche, das gesammelte Geld geschenkt, ein ganzer Jahrgang, der sich langsam, aber sicher, aufl\u00f6ste.&nbsp; Klassengemeinschaften gab es nicht mehr, jeder Sch\u00fcler arbeitete nur noch f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr seinen eigenen Abschluss. 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